Zivilisationsschrott wird zu Kunst
In verschiedenen Kunstrichtungen des 20.Jahrhunderts finden Abfallmaterialien, die abgenutzten, zwecklos gewordenen Relikte des täglichen Gebrauchs, Eingang in die Kunst als Bestandteil von Werken, die sich einerseits kritisch-ironisch mit der konsumorientierten Warenwelt und deren modeabhängigen, kurzlebigen “Wegwerf-Produkten“ auseinandersetzen und andererseits im Sinne einer Ästhetisierung den poetischen Reiz des Verfallenen zum Ausdruck bringen.
Dabei steht das Interesse des Künstlers an kunstfremden Materialien und im wörtlichen Sinn realen Gegenständen, die sie direkt ins künstlerische Werk einfügen und nicht mehr nur abbildhaft darstellen, wie in der Kunst zuvor. Seit 1945 werden Abfallprodukte zunehmend in Werken der bildenden Kunst verwendet, die durch verschiedene Faktoren begünstigt wird.
Seit dieser Zeit lassen sich künstlerische Arbeiten aus Abfall nicht mehr den herkömmlichen Gattungen der Malerei oder Skulptur zuordnen, denn ihre Gestaltungsmethoden- die Kollage, das Reliefbild, das Meterialbild, die Assemblage, die Rauminstallation, sowie Aktionen, Enviroments, Happennings und Materialassemblagen- sind neue Formen des künstlerischen Schaffungsprozesses, die dem Künstler völlig neuartige Darstellungsfreiheiten offenbaren.
Kunstrichtungen, wie der Dadaismus und Surrealismus, die in den 20er Jahren erstmals mit Abfall gearbeitet haben, werden in diesem Sinne wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Außerdem rückte nach den Erfahrungen des 2.Weltkrieges und des folgenden Wirtschaftswunders gerade in Europa die desolate Seite der Konsumwelt ins Blickfeld der Künstler.
Eine Grundvoraussetzung für die Verwendung bis dato kunstfremder Materialien und damit auch für das Erscheinen von Abfallstoffen in Werken der bildenden Kunst liegt in einer Wandlung des Kunstverständnisses, die sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts abzeichnet. Der entscheidende Sprung im Hinblick auf das Verhältnis der Kunst zur sichtbaren Wirklichkeit zeigt sich ganz deutlich in der abstrakten Malerei, die ihren Beginn im Kubismus und Futursimus findet, wobei die Absage des Künstlers an das Figürlich-Gegeständliche zugelich eine Absage an das traditionelle Bild als Illusionsraum und somit an einen Kunstbegriff, der als vorrangiges Darstellungsziel die Nachahmung von Wirklichkeit beinhaltete. Diesem Kunstverständnis entsprechend tritt der Realität der sichtbaren Wirklichkeit nunmehr die Realität der bildnerischen Gestaltung gegenüber, und der Kunstschaffende erfindet jetzt gleichsam selbst die Wirklichkeit. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Grenzen zwischen verschiedenen künstlerischen Gattungen durchlässig wurden, denn nun waren nicht mehr nur Farbe und Pinsel bzw. Hammer, Meisel und Steinblock legitime Gestaltungsmittel, sondern bisher kunstfremde Materialien gewannen an Bedeutung.